Andreas Münz

Biographie

Andreas Münz, 1965 in Aschaffenburg geboren, studierte nach seiner Lehre zum Bildhauer von 1991 bis 1997 in Hamburg an der Hochschule für bildende Künste. Seither ist er als freischaffender Künstler tätig.

Eine Zäsur in seiner künstlerischen Entwicklung war eine Einladung nach Japan zum Iwate Stone Sculpture Symposium 1998. Dort begann er, sich intensiv mit japanischer Kunst, insbesondere mit Keramikarbeiten auseinanderzusetzen. Vor allem die Beschäftigung mit dem ästhetischen Konzept Wabi-Sabi veränderte seinen Blick auf die Kunst vollkommen.

Wabi-Sabi ist die bewusste Abkehr von der Perfektion und Pracht der japanischen Kunst des 16. Jahrhunderts und der vorausgegangen Zeit. Ihm liegt ein völlig anderes Schönheitsideal zugrunde als das unserer westlichen Welt. Während Gegenstände der westlichen Moderne meist symmetrisch, nahtlos, blank poliert und glatt sind, sind Wabi-Sabi-Objekte rauh, unvollkommen, scheinbar grob und und wirken vernachlässigt und abgenutzt. Wabi-Sabi ist warm, dunkel und matt, die Formen sind organisch und nicht klar umrissen. Nicht die offenkundige Schönheit ist das Höchste, sondern die verhüllte. Der bemooste Fels, das grasbewachsene Dach, die knorrige Kiefer, der leicht verrostete Teekessel sind die Symbole dieses Schönheitsideals.

Nach seiner Rückkehr aus Japan baute Andreas Münz in Hamburg ein eigenes Keramikatelier auf und nahm ab 2002 Unterricht beim Keramiker Christoph Hansing, danach war er selbst Lehrer für Keramik in Berlin. Die Ergebnisse, die er mit seinen Bränden im Elektroofen erzielen konnte, waren für ihn jedoch meist enttäuschend und weit entfernt von der außergewöhnlichen Schönheit des traditionellen japanischen Holzbrands. „Wenn ich an der Scheibe sitze, sehe ich die Stücke vor meinem geistigen Auge mit Flammenspuren und Ascheanflug. Entsprechend enttäuschend ist es dann oft, den Elektroofen zu entladen. Zwar habe ich einige schöne Glasuren entwickelt, aber was ich mir vorstelle und anstrebe sind die unnachahmlich lebendigen Oberflächen aus dem Holzbrand.“

Allerdings ist die uralte Technik des Holzbrandes aufwändig und langwierig. Ein traditioneller Anagama wird tagelang rund um die Uhr von einem Team mit großen Mengen Holz befeuert. Diesen Aufwand wollte und konnte sich Andreas Münz nicht leisten, zudem widerspricht er seinen Prinzipien von einem sorgsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen und seiner Vorstellung eines ökologisch sinnvollen Lebens.

Der Kauf eines Bauernhofs mit großem Grundstück südwestlich von Berlin und die Bekanntschaft mit dem australischen Töpfer und Ofenbauer Steve Harrisson brachte die Wende und rückte seinen Traum in greifbare Nähe.
Harrison hatte einen Ofen entwickelt, mit dem die gleichen Ergebnisse erzielt werden können wie mit den traditionellen Öfen, jedoch ohne ganze Tage damit zubringen zu müssen. Man kann morgens anfangen zu brennen und abends aufhören. Das Design dieser Öfen erlaubt eine effiziente und saubere Art des Holzbrandes, ist also im Gegensatz zu anderen Methoden umweltschonend und abhängig von der Herkunft des Holzes sogar nachhaltig. Zusammen mit Harrisson baute Andreas Münz 2013 seinen eigenen Holzbrandofen.

Ausgangsmaterial seiner Arbeiten im Holzbrandofen ist ein besonders robuster natürlicher Grubenton, der in einer kleinen Manufaktur in Thüringen aufbereitet wird. Das Beladen des Ofens muss sehr sorgfältig geplant und durchgeführt werden. Bis zu einer Woche braucht er, um die Gegenstände in den Ofen zu platzieren. Jeder Gegenstand muss auf eigens hergestelltenTrennstücken stehen, weil er sonst im Ofen festbacken würde und auch die Platzierung der Stücke spielt eine wesentliche Rolle für das spätere Ergebnis.

Im Holzbrandofen wird die Oberfläche der Objekte aus Feuer, Glut und Ascheanflug gebildet, der Ofen ist somit ein Teil des künstlerischen Prozesses. Die Asche des verbrennenden Holzes wirbelt durch den Ofen und legt sich als feiner Staub über die Keramiken, die bei Temperaturen von circa 1300 Grad mit der Tonoberfläche zu einer natürlichen Glasur verschmilzt. Wenn Andreas Münz den Ofen nach 16 bis 20 Stunden Brand öffnet, sehen die Stücke aus, als hätte ein Vulkan sie ausgespuckt. Ein Fluss aus Feuer ist über die Objekte hinweggeflossen und hat ganz unterschiedliche Effekte erzielt: Spuren wie Moos, Spritzer oder Wellen aus Farbe, sandige Ascheablagerungen oder geschmolzene Flächen flüssiger Farbe. Je nach Standort der Objekte im Ofen variieren die Farben von einem dunkeln Anthrazit über ein tiefes, klares Blaugrün bis zu einem hellen, matten Ocker oder Beige. Das Ergebnis lässt sich trotz aller Erfahrung des Künstlers jedoch nie präzise vorherplanen und so ist jedes Stück ein Unikat.

Die Gefäße und Schalen, die Andreas Münz herstellt, beeindrucken durch eine reizvolle Schlichtheit, eine fernöstliche Schönheit, die auf uns Menschen aus dem Westen einen starken Reiz ausübt. Sie zeichnen sich durch organische Formen aus, sind nie gleichförmig und perfekt. Wesentlich ist, sich beim Betrachten der Objekte der Natur nahe fühlen zu können.

Eines seiner gelungensten Stücke ist eine kleine Vase mit Muschelabdrücken am oberen und unteren Rand. Sie weist alles auf, was den Holzbrand so unvergleichlich macht. Sie lag direkt unter der Feuerung und die Muscheln, die an Fossilien erinnern, waren Trennstücke, damit die Vase nicht mit dem Ofenboden verschmilzt. Muscheln werden benutzt, weil sie sich beim Brand in ungelöschten Kalk verwandeln und danach in Wasser gelöst und entfernt werden können. Die Vase hat viel Ascheanflug abbekommen. Die Asche ist zu einer Glasur geschmolzen und seitlich heruntergelaufen. Am oberen Rand und am Hals hat sich ein dicker flaschengrüner Aschetropfen gebildet.

Bei diesem Brand hat Andreas Eichenholz verwendet, dadurch hat sich die Vase stellenweise grau verfärbt. Hätte er Kiefernholz benutzt, wäre alles braun. Während des Brennens war der untere Teil der Vase für einige Zeit komplett mit Glut bedeckt, dadurch entstand die schwarze Färbung. Die Vase ist sehr langsam abgekühlt, weil sie teilweise mit der langsam verglimmenden Glut bedeckt war. Dadurch ist die Ascheanflugglasur kristallisiert und hat sich teilweise leuchtend rot verfärbt. Von diesen besonders gelungenen Stücken gibt es pro Brand höchstens ein bis zwei Exemplare. Ein japanischer Töpfer sagte, dass es in Japan für jeden Fehler, der beim Brand passieren kann einen Namen gibt und dass diese Fehler ein Stück umso wertvoller machen.